23.10.19 Kaiserwetter Winni
Kreativ, die Headline, ich weiß. Aber sie passt. Um 8 Uhr fahre ich los. Nachrichten: Erdbeben mit Stärke 3,9 südöstlich von Kufstein gegen 1.35 Uhr. Einen Tag später lese ich: Epizentrum Hintersteiner See bei Scheffau am Wilden Kaiser. Und wohin mache ich mich gerade auf? Genau! Klettern würde ich heute nicht (auch sonst nicht), Laufen schon. Also drauf aufs Gas und nach Scheffau gedüst. Um 10:30 Uhr bin ich dort. Der Nebel hatte sich in Kiefersfelden verzogen, der Himmel strahlt vor Freude in Blau.
Ich parke nahe dem Gasthof Bärnstatt und mache mich auf in Richtung Steiner Hochalm. Beim ersten Abzweiger lasse ich diese Alm erstmal noch links liegen, da sie für den Rückweg Richtung Walleralm eingeplant ist. Es ist mild, ausgeruht und voller guter Laune geht es auf den ersten Pfad durch den Bergwald hinauf. Trockenes Laub raschelt unter meinen Füßen. Richtig steil sollte es heute auf ca. 1500hm +/- 100hm nicht werden, also darf ich ruhig ein bisschen Gas geben. Ich erreiche den Wilden-Kaiser-Steig (WKS), hier noch ein Wirtschaftsweg, und erlebe nach bisher 3km mein erstes Etappenziel als großes Kino: Die Kaiser-Hochalm vor dem Sonnenstein (1709m). Dahinter die großartige Bergkulisse des Kaisers mit Kopfkraxen und Sonneck (2260m). Und das sollte erst der Auftakt sein.
Ich laufe an der Alm vorbei und steuere direkt auf den Sonnenstein zu, den man umrunden kann. Ich orientiere mich nach rechts und folge dem Schild Wasserfall. Der allerdings war trocken. Der Trail aber, der dicht an den Felswänden des Sonnensteins vorbeiführt und mich noch näher an den Kaiser bringt, ist ein Traum. Das wuchtige Gebirge ist zum Greifen nah und von der tiefstehenden Oktobersonne ausgeleuchtet bis in kleinste Detail. Diesen Schlenker nach oben, wo man den WKS verläßt, sollte man unbedingt machen. Zumal kurz nach dem Wasserfall der Anschluß zur Gruttenhütte möglich ist.
Dazu laufe ich Stück bergab, bis ich wieder auf dem WKS lande. Die jetzt vor mir liegenden 5km zu dieser Hütte genieße ich Meter für Meter. Der Trail, der im leichten Auf und Ab den Treffauer (2304m) und das Tuxeck (2226m) halb umrundet, ist abwechslungsreich und steckt voller Überraschungen. Mal bockig, mal vollgepackt mit Wurzeln, dann wieder im Bergwald gut laufbar, ist er ein lustiger Spielkamerad für Trailrunner. Vier, fünf Mal geht es über große Schotterfelder. Eines davon, das Langgries, zählt zu den größten im Kaisergebirge.
Die Gruttenhütte schon im Blick, bin ich unterwegs auf den letzten Metern dieses Pfads. Hier, an der Gruttenstiege, ist nochmal Konzentration gefragt: Eine schräge sandige Stelle ist zu passieren. Weit würde man nicht rutschen, aber auf dem Hosenboden über ein kurzes Schotterfeld ist unlustig. Jetzt folgt ein langes zähes Stück auf einem schottrigen Wirtschaftsweg hinauf zur Hütte. Und das in der Mittagshitze! Mehr Jammern will ich hier nicht, das überlasse ich gerne diesem E-MTBler: Am Weg zur Gruttenhütte im Wilden Kaiser - Haibike eQ Xduro
Als E-Trailrunner (ehrlicher Trailrunner) darf ich aber schon schmunzeln. Ich fräse einfach meinen Blick in den Boden, erlaube mir alle 15 Minunten aufzuschauen und schraube mich Stück für Stück höher. Aufschauen war gut, denn kurz unterhalb der Hütte sehe ich gerade einen grünen Kastenwagen, der langsam den Berg hinunterfährt. Es ist der Bierlieferant Gösser, bekannt für sein Märzenbier. Die paar wenigen Wanderer, die hier unterwegs sind, bazeln sich wie Kakerlaken an die Bergwand. Nocheinmal sollte ich diesen Wagen nahe am Abgrund fahren sehen.
Mehr beeindruckte mich allerdings der Wilde Kaiser. Hinter der Gruttenhütte ragen die prominenten Felszacken des Kaisers in die Höhe: Ellmauer Halt, Totenkirchl, Predigtstuhl und Goinger Halt. Großartig!
Wie lange ich brauchte, weiß ich nicht mehr, jedenfalls stand ich oben vor der Garage, sah die gelieferten Bierkästen und bekam Apetitt auf ein alkfreies Weißbier. Ausnahmsweise wollte ich mir heute mal eines gönnen und in Kauf nehmen, dass es runterwärts im Bauch umherschwappen würde. Zudem fühlte sich meine Trinkblase jetzt schon ziemlich leer an. Die Enttäuschung, nicht nur bei mir, sondern auch anderen, die sich hier hoch geplagt hatten, war groß: es gab nur noch Bier, und dieses nur mit Alkohol.
Insgesamt liegen 10km hinter mir. Bevor ich mich auf den Rückweg mache, laufe ich noch ein kurze Stück in Richtung Jubiläumssteig, um einen Blick hinein in das Kar zu werfen, das hinüberführt zur Stripsenjochhütte. Winzig klein, aber gut zu sehen, bewegen sich zwei Bergsteiger in steilem Gelände auf einem Schotterpfad hinunter. Ob sie von dem Erdbeben wussten? Ein Flieger übrigens, zog eine ganze Weile seine Bahnen entlang des Kaisergebirges, als ich unterhalb des Treffauers unterwegs war. Denke, da wurde geguckt, ob es Schäden gegeben hat.
Fotos wollte ich auch machen, nur leider war meine Einstellung verrutscht, so dass ein paar Bilder unscharf geworden sind. Ist aber halb so schlimm, weil ich ohnehin plane, dieses oder nächstes Jahr nochmal zur Gruttenhütte zu laufen - via Wochenbrunner Alm -, um meine Runde auf dem WKS fortzusetzen. Jetzt aber geht es erstmal wieder zurück. Statt über den Wasserfall zu laufen, bleibe ich unten und bin weiterhin auf einem rassigen Trail unterwegs. Wenig Flow zwar, dafür einsam und wunderschön. Auch auf dem Hinweg traf ich keine Menschenseele. Vorbei an der Kaiser-Hochalm (Brunnen schon zugedreht) sehe ich schon den Hintersteiner-See. Diesen wollte ich unbedingt noch umrunden, wenigstens zur Walleralm weiterlaufen, nur leider war meine Trinkblase inzwischen leer.
So wurden es heute 19km, unterlegt mit 1200hm. 19km am Wilden Kaiser jedoch; jeden einzelnen genossen. Ich komme wieder.
In the meantime: Jeff Black - A Long Way To Go
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