21.10.20 Spaghetti und Spezi Winni
Von Bad Wiessee aus gucke ich auf den Wallberg. Schnee. Gucke auf die Nordseite des dahinter liegenden Bergmassivs, die Blauberge. Schnee. Mein Kalkül aber war, dass der sonnenexponierte Pfad oben am Kamm schneefrei sein sollte.
Mein Auto stelle ich auf den Parkplatz Wildbad Kreuth, immerhin mit sauberer Toilette jetzt am frühen Morgen. Der Himmel ist bedeckt, die Luft mild. Föhnsturm soll es heute geben und gut 20 Grad im Tal. Der erste Kilometer geht flach im herbstlichen Wald dahin, tief atme ich die reine Luft ein. Ich überlege mir, was ich mache, wenn der Kamm doch verschneit sein solle. Werde ich sehen nach dem steilen Aufstieg von der Blaubergalm (1540m) rauf zur Wichtelplatte (1765m). Dann eben zurück und nur auf den Schildenstein.
Um in diesem Fall wenigstens auf ein paar Kilometer zu kommen, wähle ich im Aufstieg den Schlenker über die Königsalm. Vorbei an der Geisalm erreiche ich diese nach 5km. Der Himmel immer noch grau. Mir wird warm, ich ziehe meine dünne Jacke aus. Will sie in meinem Rucksack verstauen. Scheiße! Habe mein Fläschchen mit Hafermehl+ im Auto vergessen. Kurze Inventur: 1 Riegel, etwas Traubenzucker, Elektrolyte. Immerhin.
Zur Blauberghütte ist es nicht mehr weit, vor meinen Augen eine Speisekarte. Ich bestelle Spaghetti und ein Spezi. Perfekt. Ich passiere den Schildenstein und den Abzweiger über die Wolfsschlucht, laufe mittlerweile in der Sonne, der Blauberghütte entgegen. Bäng! Ein Schlag in die Magengrube, die leere. Geschlossen. Na toll! Und schon muss ich wieder framen: Hat der Körper Stress, passt er sich an und wird stärker. Hormesis. Laß uns also heute stärker werden, sage ich meinem Hirn, das heute wohl Ketonkörper zu futtern bekommt. Und jede Stunde ein Bisschen von meinen Riegel.
Hinter der Blaubergalm beginnt der sehr steile Anstieg hinauf zum Kamm. Immerhin war bisher kaum Schnee. Fast schon euphorisch schraube ich mich hoch zur Wichtelplatte. Und siehe da: Sieht gut aus. Hinter mir liegen 10km.
…………………………………………..................................... Hier die Etappen meiner heutigen 25,6km langen Runde, unterfüttert mit 1500hm:
P Wildbad Kreuth – Geisalm – Königsalm – vorbei am Schildenstein – Blaubergalm – Wichtelplatte – Blaubergkopf – Halserspitz – zurück zur Karspitz – runter in Richtung Gufferthütte – Bayerische Wildalm - (!! Am Abzweiger Wildbad Kreuth –Siebenhütten/Wildbad Kreuth diesen nehmen; es geht nochmal links steil hinauf!!) - Traverse zu einem Grat unterhalb der Halserspitze – Ab hier toller Trail (615) nach Siebenhütten – P Wildbad Kreuth. Hier auf Brouter.de. Die Blauberge auf Fatmap.com …………………………………………………….....……………............
Die gedimmte Sonne und der Fernblick sind inzwischen auch da; so wünscht man sich den Blaubgergkamm! Meist holprig, dann wieder fluffig, geht es rauf runter, ein paar Wanderer sind auch unterwegs. Links die Tegernseer Berger, rechts der Guffert, das Rofan und die Unnütze. Weit dahinter der weiße Alpenhauptkamm - was für eine Aussicht! Hin und wieder eine kleine Böe, aber kein Sturm. Der Pfad bisher trocken.
Kurz vor der Karspitze (1801m) wechselt er jedoch auf die Nordseite. Ein ganzes Stück geht es über niedergetretenen nassen Schnee. Der leicht ausgesetzte Pfad ist zum Glück nicht abschüssig; vorsichtig passiere ich diese heikle Stelle mit kleinen Schritten. Kurz danach erreiche ich den Abzweiger hinunter in Richtung Gufferthütte. Erstmal aber geht es rauf zur Halserspitz (1866m). Die ist gut besucht. Ich gönne mir einen herzhaften Biss in den Riegel, den ich mit Wasser runter spühle.
Zwei Wanderer informiere ich darüber, dass man die Halserspitz gut umrunden kann, um die nordseitige, schwarze Route zu umgehen. (Später erfahre ich, dass dieser Steig voller Schnee und sehr schwierig war). Lange halte ich mich nicht auf, hab' noch ein hübsches Stück vor mir. Langsam mache ich mich wieder auf, erreiche den Abzweiger und laufe in der Sonne den pfundigen Pfad hinunter. Alsbald geht es rechts oder links weiter.
Rechts geht es unterhalb des Kamms zurück zur Blaubergalm – in der fast schon sommerlichen Wärme. Links geht es über die Bayerische Wildalm wohl hinein in den Winter mit Schnee. Da die Entscheidung schon längst gefallen ist, laufe ich links, erstmal in Richtung Gufferthütte. Obwohl auf der Südseite, obwohl auf einer Höhe von gerade Mal 1500m in nahezu baumfreien Gelände: meine Schuhe versinken knöchel- bis knietief in nassem Schnee. Hier hat es wohl massive Schneeverfrachtungen gegeben.
Der Pfad ist nicht mehr auszumachen, und die Bayerische Wildalm ist noch nicht einmal in Sicht. Dann weitet sich das Gelände – und ich lande erneut im Sommer. Ich, und die beiden Wanderer. Einem Hohlspiegel gleich, sammelt sich die Wärme auf dem weitläufigen Almgelände.
Dann ein Schwenk nach Norden, und schon stapfe wir erneut durch knöcheltiefen, nassen Schnee. Dass ich heute meine wind- und wasserdichten Socken angezogen habe, war eine gute Entscheidung. Nach gut 15km, den letzten durch Schnee gestapft, erreichen wir eine Gabelung, an die ich mich gut erinnere: bei der letzten Blaubergkamm-Überschreitung mit Christian im September 2017 sind wir einfach geradeaus weitergelaufen, dem Schild P Wildbad Kreuth auf den Leim gegangen. Nach 500 negativen Höhenmetern stoppte Christian, guckte auf sein Navi, guckte und guckte, und sagte, wir sind hier falsch, wir müssen wieder rauf zum Abzweiger. Ich habe ihn damals verflucht, wenngleich … heute wie damals: the best was yet to come.
Meine beiden Begleiter sind sich uneins. Der eine hat die Schnauze voll vom Schnee und will runter, der andere sagt, dass wir dann in einem anderen Tal landen. Ich schaue derweil nach oben. Zu dritt machen wir uns auf, nochmal gut 100hm hinter uns zu bringen, bevor wir unterhalb der steilen Flanken im Schnee hinüberqueren zu einem Kamm, der direkt auf die Halserspitz zuführt; die nördliche Aufstiegsroute. Ich spure, peile den Kamm an und wähle die Direttissima. Zudem drücke ich ein wenig auf die Tube, da ich immer noch ärmellos unterwegs bin.
Immer wieder ein Fluchen. Ich grinse mir eins. Die Vorfreude wärmt mich. Denn nach genau 16km erreichen wir den Kamm. Dort beginnt ein wunderbarer 6km langer Trail, der gut zu laufen ist. Ich verabschiede mich und laufe los, lande sogar nochmal in der Sonne, bevor ich das Tal erreiche. Jetzt noch von Siebenhütten auf einem Wirtschaftsweg zuerst nach Wildbad Kreuth und weiter zum Parkplatz. Das nächste Mal parke ich gleich auf dem P von Siebenhütten, dann erspare ich mir das Laufen im Flachen. Denn: flat ist boaring.
Den Trail allerdings, der auf der Südseite zurück zur Blaubergalm führt, kenne ich immer noch nicht. Ob er sich lohnt?
In the meantime: Van Morrison – Born to Be Free
Auf youtube: Trailrunning 001: HALSERSPITZE | Drone & GoPro | 4K
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