01.10.20 Verarschung? Winni Mühlbauer
Schon im Juli 2016 war ich hier, zusammen mit Christian. Damals sind wir rauf und runter die gleiche Strecke gelaufen. Es war sehr heiß und die Luft trocken. Heute ist es mild und nahezu windstill. Dafür lag oben noch Schnee, genau dort, wo man sich ihn nicht wünscht: Auf dem Grat vom Dürnbergjoch.
Wieder parke ich mein Auto am Schlagbaum; zum Trail sind es 5m. Über feuchtes Laub und teilweise nasse Schrofen geht es in der Kühle des Tages 400hm steil hinauf zum Hühnerberg (1397m). Schon wird mir warm, ich ziehe meine dünne Jacke aus. Wenig später spuckt mich der Bergwald aus und macht den Blick frei auf das Dürnbergjoch und links davon das Demeljoch. Beeindruckend, auch die mit riesigem Pinsel hingeklecksten Schneefelder. Wenig später erreiche ich nach 5km das Schürpfeneck (1623m). Nochmal 226hm draufgesattelt.
Schnurstracks geht es in Richtung Dürnbergjoch. Vorher kommt der Abzweiger zum Dürnberg, über den die Runde auch gelaufen werden kann, wenn man unten gut 7km im Flachen zum Ausgangspunkt zurückhatschen möchte. An diesem Abzweiger muss man sich auch entscheiden, ob man oben über den Grat zum Demeljoch möchte, oder etwas unterhalb nicht ausgesetzt. Ich gucke um die Ecke auf den weiteren Verlauf und entscheide mich für oben herum, da nur hin wieder etwas Schnee auf dem Trail liegt.
Auf halber Strecke, ein paar ausgesetzte Stellen liegen schon hinter mir, liegt der Pfad in der Sonne und ist trocken. Das allerdings, was ich dann um die nächsten Knick herum entdecke, löst keine Begeisterung aus: etwa 100m an einem Steilhang ist der Pfad voller Schnee. Schritt für Schritt trete ich in die Spurenund quere langsam diese Passage.
Nochmal möchte ich heute nicht übers Dürnbergjoch (1835m).Später am Gipfel erfahre ich, dass auch der Weg unten herum verschneit und nicht einfach ist. Das passt in meine Planung, denn ich will die heutige Tour als Runde über das Bächental in Tirol laufen, das juristisch seltsamerweise zur Gemeinde Eben am Achensee gehört. Apropos Eben: Eine meiner schönsten kleineren Runden ging übers Ebner Joch; sehr zu empfehlen.
Das schwierigste Stück liegt hinter mir, ich komme wieder ins Laufen. Aber nur, bis es steiler aber unschwierig zum Demeljoch hinauf geht, teilweise im Schnee; insgesamt hatte ich mir weniger Weiß erhofft. Kurz vorm Gipfel zweigt ein Pfad nach Süden ab, ohne Wandertafel. Dummerweise habe ich keinen Ausdruck meiner Planung mit Brouter dabei, erinnere aber, dass es ziemlich weit oben unterhalb des Zotenjoch rüber zur Rotwandhütte geht. (Jetzt, wo ich nochmal auf dem Plan heranzoome, ist da aber kein Weg.) Auch etwas andere sehe ich jetzt klar und deutlich ... Depp! (Sage ich nicht oft zu mir)
Ich schweife ab, muss ja erst noch auf den Gipfel (1924m). Den erreiche ich nach 8km. Erstmal die Frage an alle Gipfelstürmer, ob jemand den Abstieg übers Bächental kennt. Keiner kennt ihn, wie schon andere Befragte unterwegs. Dann aber eine Mutter mit ihrer Tochter: Wir kennen ihn zwar nicht, möchten ihn aber auch gehen. Und machen sich auf den Weg.
Ich verweile noch, genieße die Panoramen und freue mich, nach den Schneefällen nochmal auf einem 2000er zu sein. Dann mache auch ich mich auf den Weg, zurück zum dem Abzweiger, von dem ich annahm, es sei der, der mich unterhalb des Zotenjochs zur Rotwandhütte bringen wird. Ist er aber nicht. Auch kann ich von hier aus nichts ausmachen und laufe weiter die leichten Serpentinen hinunter in Richtung Bächental.
Dann macht der Pfad einen Knick nach links, den ich verpasst habe, denn ich laufe genau auf dem Grenzverlauf eine Direttissima hinunter. Dabei entdecke ich die beiden Damen weit links drüben.
Unten quere ich hinüber und erreiche den breiten Forstweg, der mich befürchten lässt, ihn nicht mehr loszuwerden, auf acht bis neun Kilometer; ungern schlucke ich solche Kröten. Nach einer Abkürzung über eine Wiese schließe ich zu den beiden Damen auf, Mutter (B.) und Tochter (T.). Wir erreichen die Rotwandhütte. B und T gehen weiter, ich frage in die Familienrunde vor der Hütte, ob es nur diesen Forstweg oder vielleicht einen Pfad hinunter ins Walchental gibt.
Zitiert aus der Erinnerung heraus: Ja, es gibt da einen Steig. Hier auf dem langen Forstweg ginge es zu weit nach rechts, und ich müsste einige Kilometer unten auf der Bundesstraße zurück zum Parkplatz laufen. Der Steig beginnt hier etwas oberhalb. Da ist ein Jägersitz, und dort RECHTS hinunter kommt der Steig, der uns LINKS vorbei am Rosskopf (eine markante kleine Bergkuppe) zum Ausgangspunkt bringt. Man kommt diesem Steig nicht aus.
Ich rufe B und T zu. Die drehen um. Zusammen hören wir uns nochmal die Wegbeschreibung an und machen uns gemeinsam auf den Weg. Weg? Welcher Weg? Die Almwiese ab dem Jägersitz ist verschneit und voller Wasserlöcher. Schloorch. Meine Schuhe laufen voll. Egal, es ist mild. T entdeckt Spuren im Schnee. Die bringen uns über einen Stacheldrahtzaun voran zum Rosskopf. Weiter durch nassen Schnee erreichen wir den talförmigen Einschnitt links von diesem Kopf … und tatsächlich, etwas unterhalb ist der Steig. Nass, schmal, zugewachsen. Oft geht es links steil hinunter ins Pitzbachtal. Mächtig ragen darüber die schroffen und düsteren Felswände der Rotwand gen Himmel. Wildromantisch sagen vielleicht die einen, leicht beklemmend die anderen.
Jedenfalls habe ich mit den beiden Damen einen Volltreffen gelandet: Toughe Mädels. Denn ein wenig fühle ich mich schuldig, beide hierher gelotst zu haben. B meinte, hier haben wir wenigstens ein Abenteuer; besser, als ein langweiliger Forstweg, wo es flott dahingeht. Mit Flott war dagegen nichts auf diesem wohl selten begangenen Steig (auf Karten nicht zu finden, bis auf eine; später mehr dazu). Im Gegenteil. Langsam folgen wir dem Pfad in steilem Gelände und beschließen, den Rest des Weges gemeinsam zu gehen. Allerdings: Wenn dieser Steig trocken ist, sind längere Abschnitte durchaus laufbar.
Der letzte steile Abstieg führt uns auf eine Wiese, wo ein rätselhafter Baum steht. Verwünschung? Kraftort? Fackel? Da ich mit dem Bauern hadere, der uns diese Suppe eingebrockt hat, vielleicht auch zahlreiche quer liegende kleinere Bäume auf den Trail herunter vom Demeljoch gelegt hat, vielleicht, weil er nicht will, dass man über seine Almen latscht, Deutsche, die einen Nachmittag in Tirol einwandern und abends sein Land wieder nach Bayern verlassen … ? Was einem nur durch den Kopf geht, wenn man wandert und nicht läuft!
Jedenfalls kostet es uns viel Zeit, Zeit, die wir drei nutzen, uns auszutauschen, Anekdoten, Erfahrungen in den Bergen und vieles mehr. Noch ist es hell. T erspäht in Richtung Tal einen Forstweg. Wenig später sind wir unten. Ich hadere schon wieder, diesmal mit meinem Navi. Liegt es an der schwindenden Akku-Leistung oder dem schwachen Empfang?Jedenfalls zeigt mir das Scheißding heute meist nur das graue Layer mit den Höhenlinien, nicht aber die grüne Karte mit den Wegen.
So kommt es, dass wir auf dem Fortsweg wandern und wandern, ohne an Höhe zu verlieren. T entdeckt einen Pfad, der links runter geht. B und ich dagegen denken, dass wir hierrichtig sind. Das Navi hat keine Meinung. T erneut, wir sind hier falsch! Einen guten Kilometer weiter sehen wir links unten eine Kurve der Bundesstraße, und wir sehen noch mehr: Hier geht es nirgends hinunter. Mittlerweile ist es 17 Uhr. Wir drehen um. Erreichen den Abzweiger. Wieder bemühen T und ich das Navi. Da, sagt T, hast du gesehen, ganz kurz ist da unten eine grüne Linie (Forstweg) aufgeblitzt.
Der Pfad hinunter entpuppt sich als gut zu gehender Waldpfad. Rasch landen wir auf dem Forstweg und wandern die Runde gutgelaunt zu Ende. Mit der Dämmerung erreichen wir den Parkplatz – noch immer kurzärmelig. Ich sagte ja bereits: Starke Frauen (Wenn ihr Fragen oder Wünsche habt, könnt ihr mich gerne per E-Mail, siehe Impressum, kontaktieren.)
…………………………………………………………………. Hier die Etappen der heutigen ca. 23km langen Lauf- und Wanderrunde: Walchental – Hühnerberg – Schürpfeneck – Dürnbergjoch – Demeljoch – Rotwandhütte – Rosskopf – Walchental. (Für Paddler: Walchenklamm Sylvensteinstausee) …………………………………………………………………..
Hier auf Brouter.de mit kleiner Änderung. Und hier die Gegend auf fatmap.com (Kostenfrei auf PC)
Ach ja, beinahe hätte ich es vergessen. Den Rosskopf-Pfad fand ich nur auf einer einzigen Karte: der Wanderkarte, die dem Karwendel Wanderführer von Rother beigelegt ist. Also doch keine Verarsche. Allerdings hätte es da noch einen Weg gegeben, der eben nicht weit nach links geführt hätte. Sei’s drum. Es war ein toller und abenteuerlicher Tag in angenehmer Gesellschaft.
Bis bald In the meantime: Jeff Black - Walking Home
Auf youtube (für Schwindelfreie) : Toni Palzer bei seinem Rekord Watzmann-Überschreitung
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